Lasten schätzen, heben, anschlagen, ziehen – Faustformeln für die Technische Hilfeleistung
Bei der Technischen Hilfeleistung entscheiden Kräfte und Gewichte über Erfolg und Sicherheit: Wie schwer ist der verunfallte Transporter wirklich? Trägt das Hebekissen die Last auch noch bei 30 Zentimetern Hub? Hält die Rundschlinge den Schnürgang aus – und reicht der Greifzug, um das Fahrzeug die Böschung hinaufzuziehen? Dieser Artikel zeigt die wichtigsten Rechenwege und Faustformeln – und warum konservatives Rechnen dabei Programm sein muss.
Erst die Last, dann das Gerät
Jede Hebe-, Zug- oder Anschlagentscheidung beginnt mit derselben Frage: Wie schwer ist die Last? Wer hier daneben liegt, rechnet alles Weitere mit falschen Zahlen. Für die Ersteinschätzung haben sich Katalogwerte bewährt:
- PKW: je nach Klasse etwa 1,0 bis 2,5 Tonnen – ein Kleinwagen wiegt rund 1 Tonne, ein großer SUV das Zweieinhalbfache. Elektro- und Hybridfahrzeuge liegen durch die Traktionsbatterie nochmals 300 bis 600 Kilogramm darüber.
- Transporter: bis 3,5 Tonnen zulässige Gesamtmasse – und im Einsatz zählt die Beladung mit.
- LKW und Busse: 7,5 bis 40 Tonnen; ein Reisebus liegt bei 12 bis 18 Tonnen, ein Gelenkbus darüber.
- Sturmholz: das Gewicht eines Stammes folgt aus Durchmesser, Länge und Dichte – frisches (grünes) Holz ist deutlich schwerer als trockenes, Buche und Eiche liegen um 1.000 kg/m³.
Wichtig ist außerdem die anteilige Last: Wer ein Fahrzeug nicht komplett, sondern nur an einer Seite oder an einem Ende anhebt, bewegt nicht das volle Gewicht. Als Faustwerte gelten rund 50 Prozent für eine Seite, etwa 60 Prozent für die Front (Motorlast) und 40 Prozent für das Heck. Diese Teillast ist der Eingangswert für alles Weitere.
Last anheben: Die Kennlinie des Hebekissens kennen
Der häufigste Denkfehler beim Hebekissen: die Nennhubkraft für bare Münze zu nehmen. Die aufgedruckte Hubkraft erreicht ein Luftheber nur bei minimalem Hub – mit zunehmender Hubhöhe wölbt sich das Kissen, die wirksame Auflagefläche schrumpft und mit ihr die nutzbare Kraft. Bei maximaler Hubhöhe bleibt oft weniger als die Hälfte der Nennhubkraft übrig. Wer also 4 Tonnen um 30 Zentimeter anheben will, braucht nicht das „4-Tonnen-Kissen", sondern ein Kissen, das bei 30 Zentimetern Hub noch 4 Tonnen trägt.
Feste Regeln beim Kisseneinsatz: Maximal zwei Kissen stapeln, das größere immer nach unten. Und niemals unter einer Last arbeiten, die nur auf Kissen steht – Unterbau schrittweise nachsetzen, das Kissen hebt, der Unterbau sichert.
Anschlagen und Sichern: Anschlagart verändert die Tragfähigkeit
Rundschlingen tragen ihre Tragfähigkeit als Farbcode nach DIN EN 1492-2 (violett 1 t, grün 2 t, gelb 3 t, rot 5 t), Anschlagketten der Güteklasse 8 sind nach Nenndicke gestuft. Doch die Zahl auf dem Etikett gilt nur für den direkten Zug. Die Anschlagart verändert die nutzbare Tragfähigkeit erheblich:
- Direkt (gestreckter Zug): Faktor 1,0 – die volle Tragfähigkeit.
- Geschnürt: Faktor 0,8 – der Schnürgang würgt das Anschlagmittel, ein Fünftel der Tragfähigkeit geht verloren.
- Umgelegt (Korb): Faktor 2,0 – beide Stränge tragen.
- Zweisträngig mit Neigung: bis 45° Neigungswinkel Faktor 1,4, zwischen 45° und 60° nur noch 1,0 – über 60° ist unzulässig, weil die Strangkräfte steiler Anschläge die Last um ein Vielfaches übersteigen.
Dazu kommen die Dauerbrenner der Anschlagpraxis: scharfe Kanten nur mit Kantenschutz, beschädigte Anschlagmittel sofort ablegen, und der Anschlagpunkt am Fahrzeug muss die Kraft auch tatsächlich einleiten können. Maßgeblich für alles ist das Regelwerk der DGUV zum Betrieb von Anschlag- und Lastaufnahmemitteln.
Last ziehen: Zugkraft ist nicht gleich Lastgewicht
Für Greifzug und Seilwinde gilt die einfache, aber oft überschätzte oder unterschätzte Beziehung: Die benötigte Zugkraft ergibt sich aus Lastgewicht, Untergrund und Steigung. Ein rollendes Fahrzeug auf fester Fahrbahn verlangt nur wenige Prozent seines Gewichts als Zugkraft. Dasselbe Fahrzeug mit blockierten Rädern braucht die Hälfte, ein eingesunkenes oder verkeiltes Fahrzeug nahezu sein volles Gewicht – und jede Steigung addiert ihren Anteil obendrauf.
Ein 2-Tonnen-PKW, gleitend eine Böschung hinaufgezogen, kann so schnell die 16 Kilonewton eines kleinen Greifzugs übersteigen. Dann hilft der Flaschenzug: Eine lose Rolle an der Last verdoppelt die Zugkraft – rechnerisch. Praktisch kostet jede Rolle rund 10 Prozent Reibung, konservativ wird deshalb mit Faktor 1,8 statt 2,0 gerechnet. Und eine Regel wird gern vergessen: Festpunkt und Anschlagmittel müssen dieselbe Zugkraft aushalten wie das Zuggerät aufbringt. Der stärkste Greifzug nützt nichts, wenn der Baum als Festpunkt oder die Rundschlinge am Fahrzeug die Kraft nicht hält.
Konservativ rechnen – immer
Für alle diese Rechnungen gilt derselbe Grundsatz: benötigte Kräfte aufrunden, verfügbare Tragfähigkeiten abrunden und die Sicherheitsreserve explizit betrachten. Eine Rechnung, die „gerade so" aufgeht, ist im Einsatz keine Grundlage – Gewichte sind geschätzt, Untergründe verändern sich, Lasten verlagern sich. Faustformeln und Rechner liefern eine belastbare Planungsgrundlage, aber die Entscheidung an der Einsatzstelle trifft immer der Mensch mit Blick auf die tatsächliche Lage.
Der neue THL-Rechner in FireMind Einsatz
Genau diese Rechenwege bildet der neue THL-Rechner in FireMind Einsatz ab – offline, direkt an der Einsatzstelle, in vier Modulen:
- Gewicht schätzen: Anhand verschiedener Angaben und Rahmenbedingungen wird das ungefähre Gewicht einer Last berechnet – als grobe Orientierung für die weitere Einsatzplanung.
- Last anheben: Aus geschätztem Gewicht und benötigter Hubhöhe ermittelt das Modul, welches Hebekissen für den geplanten Hebevorgang geeignet ist – die Kennlinie ist eingerechnet.
- Anschlagen und Sichern: Unterstützung bei der Auswahl eines geeigneten Anschlagmittels – unter Berücksichtigung von Lastgewicht, Anschlagart und Einsatzzweck.
- Last ziehen: Aus Lastgewicht, Untergrund, Steigung und weiteren Einflussfaktoren wird die benötigte Zugkraft berechnet – so lässt sich einschätzen, ob das Zuggerät ausreichend dimensioniert und der Festpunkt geeignet ist.
An die eigene Wehr anpassbar: In den Einstellungen lässt sich das vorhandene Material individuell hinterlegen – nicht verfügbare Geräte und Anschlagmittel werden einfach deaktiviert. So schlägt der Rechner nur vor, was auch tatsächlich auf dem Fahrzeug liegt.
Fazit: Zahlen ersetzen keine Ausbildung – aber Bauchgefühl ersetzt keine Zahlen
Heben, Anschlagen und Ziehen gehören zu den Tätigkeiten mit dem größten Schadenspotenzial bei der Technischen Hilfeleistung – und zu denen, bei denen unter Zeitdruck am meisten geschätzt wird. Wer die Faustformeln kennt und konservativ rechnet, macht aus einer Bauchentscheidung eine begründete Entscheidung. Der THL-Rechner nimmt dabei das Kopfrechnen ab und macht die Reserve sichtbar – die Verantwortung für Erkundung, Sicherung und Freigabe bleibt, wo sie hingehört: bei den Einsatzkräften vor Ort.
Weiterführende Informationen
- DGUV Publikationen – Regelwerk zu Anschlagmitteln und Lastaufnahmeeinrichtungen
- Feuerwehr-Dienstvorschriften (FwDV) – u. a. FwDV 1 mit den Grundtätigkeiten der Technischen Hilfeleistung
Der THL-Rechner – neu in Version 2.4
Gewicht schätzen, Hebekissen auswählen, Anschlagmittel prüfen, Zugkraft berechnen – offline an der Einsatzstelle, angepasst an das Material der eigenen Wehr.
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