Wasserförderung bei +40 m Höhenunterschied: LFS-BW-Tabellen vs. Praxis
Wer Wasser bergauf fördern muss, kämpft auf zwei Fronten gleichzeitig: gegen Reibungsverluste auf langen Schlauchleitungen und gegen den hydrostatischen Druck des Höhenunterschieds. Die Landesfeuerwehrschule Baden-Württemberg stellt hierfür tabellierte Richtwerte bereit – doch wer diese Zahlen unreflektiert anwendet, unterschätzt leicht, was 40 Höhenmeter wirklich bedeuten. Dieser Artikel zeigt, wie die Tabellenwerte entstehen, wie man sie mit dem Höhenverlust kombiniert und warum gerade bei Wald- und Vegetationsbränden eine einzelne Pumpe oft nicht ausreicht.
Das Problem: Wasser nach oben transportieren
Stellen Sie sich einen Böschungsbrand vor: Die Wasserentnahmestelle – ein Löschwasserbehälter oder ein Hydrант der Gemeinde – liegt unten im Tal. Der Brandabschnitt befindet sich 40 Höhenmeter weiter oben, erreichbar über einen Waldweg, der in mehreren Kurven ansteigt. Die Schlauchlänge von der Pumpe bis zum ersten Strahlrohr beträgt rund 600 m.
Für Einsatzkräfte, die solche Lagen nicht regelmäßig trainieren, ist die erste Reaktion oft intuitiv: „Wir legen einfach mehr Schlauch." Doch genau hier liegt der Denkfehler. Der Höhenunterschied allein erzeugt bereits einen statischen Gegendruck, der nichts mit der Schlauchlänge zu tun hat. Die Physik dahinter ist eindeutig: 10 m Höhenunterschied entsprechen etwa 1 bar hydrostatischem Druck. 40 Höhenmeter kosten also 4 bar – unabhängig davon, wie lang oder kurz die Leitung ist, und noch bevor der erste Meter Schlauch Reibungsverluste erzeugt.
Diese Faustregel ist kein Näherungswert – sie ergibt sich direkt aus der Dichte von Wasser und der Erdbeschleunigung und gilt für die Praxis als verlässliche Grundlage. Wer sie ignoriert, plant an der Realität vorbei.
Die LFS-BW-Tabellen: Was sie leisten
Die Landesfeuerwehrschule Baden-Württemberg (LFS-BW) stellt im Rahmen ihrer Ausbildungsunterlagen tabellierte Druckverlust-Richtwerte für genormte Feuerwehrschläuche bereit. Diese Tabellen zeigen, welcher Reibungsdruckverlust bei einem bestimmten Förderstrom je 100 m Schlauchlänge zu erwarten ist – getrennt nach Schlauchdurchmesser (B-Schlauch 75 mm, C-Schlauch 42 mm) und Förderstrom in Litern pro Minute.
Der entscheidende Vorteil gegenüber einer Formelberechnung im Einsatz: Die Tabellenwerte lassen sich schnell ablesen, ohne dass der Maschinist unter Stress Strömungsformeln lösen muss. Die Unsicherheiten durch schwankende Viskositätswerte, Schlauchinnendurchmesser-Toleranzen oder Kupplungswiderstände sind in den Tabellenwerten bereits pauschal eingearbeitet.
Wichtig zu verstehen: Die LFS-BW-Tabellenwerte geben den Reibungsdruckverlust für ebene Strecken an. Den Höhenverlust muss der Maschinist separat berechnen und addieren. Wer das vergisst, wird an der Pumpe einen zu niedrigen Ausgangsdruck einstellen – und am Strahlrohr oben ankommt zu wenig Druck an.
Für den B-Schlauch (75 mm Innendurchmesser) liegen die Reibungsverluste bei typischen Einsatzförderströmen je nach Tabellenversion und Schlauchzustand in der Größenordnung von etwa 0,8–1,2 bar je 100 m. Für den schmaleren C-Schlauch (42 mm) sind die Verluste deutlich höher, weshalb er für lange Förderstrecken ungeeignet ist und im Regelfall nur für den letzten Abschnitt direkt vor dem Strahlrohr eingesetzt werden sollte.
Redaktioneller Hinweis: Die genauen Tabellenwerte variieren je nach Ausgabe der LFS-BW-Unterlagen und sollten bei sicherheitskritischen Berechnungen immer an der aktuellen Quelle geprüft werden.
Beispielrechnung: 600 m B-Schlauch, +40 m Höhe, 800 l/min
Gehen wir die Kalkulation Schritt für Schritt durch. Als Ausgangssituation gilt: eine einzelne TS8/TS10 fördert über 600 m B-Schlauch mit 40 m Höhenunterschied zu zwei C-Rohren.
- Förderstrom festlegen: 800 l/min ist ein realistischer Wert für zwei laufende C-Rohre plus eine gewisse Reserve für Leitungsverluste. Eine einzelne TS8 fördert im Nennbetrieb 800 l/min bei 8 bar Ausgangsdruck.
- Reibungsverlust ablesen: Laut LFS-BW-Richtwerten für B-Schlauch bei etwa 800 l/min liegt der Reibungsverlust in der Größenordnung von rund 1 bar je 100 m (je nach Tabellenversion und Schlauchzustand zwischen 0,8 und 1,2 bar/100 m). Für 600 m ergibt sich damit ein Reibungsverlust von etwa 6 bar (Rechenbasis: 1 bar/100 m).
- Höhenverlust berechnen: 40 m ÷ 10 = 4 bar statischer Gegendruck.
- Enddruck am Strahlrohr: Ein C-Rohr benötigt am Strahlrohreintritt typischerweise 4–6 bar für einen wirksamen Vollstrahl. Ansatz: 5 bar.
- Gesamtdruck an der Pumpe: 6 bar (Reibung) + 4 bar (Höhe) + 5 bar (Enddruckbedarf) = ca. 15 bar.
Ergebnis: Eine einzelne TS8/TS10 mit maximal 8–10 bar Betriebsdruck reicht für dieses Szenario nicht aus. Der rechnerische Pumpendruck von rund 15 bar überschreitet den Nennbetrieb deutlich. Für diese Lage ist mindestens eine Verstärkerpumpe im Relay-Betrieb erforderlich. Wer das nicht vorab erkennt, verliert wertvolle Einsatzminuten beim Nachalarmieren.
Bei einem Relay-Betrieb wird eine zweite Pumpe auf der Förderstrecke zwischengeschaltet. Sie übernimmt einen Teil des erforderlichen Drucks, sodass keine der beteiligten Pumpen ihren Betriebsdruck überschreiten muss. Die Position der Verstärkerpumpe auf der Strecke ergibt sich ebenfalls aus der Tabellen- und Höhenkalkulation.
Wo die Tabellen an Grenzen kommen
Die LFS-BW-Tabellen sind ein bewährtes Werkzeug – aber kein Allheilmittel. In der Praxis gibt es mehrere Faktoren, die die tatsächlichen Druckverluste von den Tabellenwerten abweichen lassen:
- Schlauch-Alterung und Querschnittsschwankungen: Ältere Schläuche mit rauerer Innenoberfläche oder leicht verengtem Querschnitt erzeugen höhere Reibungsverluste als neue Normschläuche. Die Tabellenwerte gelten für Schläuche in einwandfreiem Zustand.
- Kupplungsverluste: Jede Storz-Kupplung erzeugt einen kleinen Druckverlust. Bei einer 600-m-Leitung mit B-Schlauch-Längen à 20 m kommen 30 Kupplungen zusammen. Je nach Kupplungszustand und Durchfluss können sich hier zusätzliche 0,1–0,3 bar summieren – bei langen Leitungen nicht mehr vernachlässigbar.
- Wassertemperatur und Schmutzfracht: Bei offenem Wasser aus einem Teich oder Bach kann Schmutz die Schläuche und Pumpensiebe belasten. Kälteres Wasser ist geringfügig dichter und viskoser, was die Reibung leicht erhöht.
- Trockener vs. wassergefüllter Schlauch: Beim erstmaligen Befüllen einer langen Leitung muss die Pumpe zunächst die gesamte Schlauchstrecke mit Wasser füllen und die Luft herausdrücken. In dieser Beschleunigungsphase ist der tatsächliche Energiebedarf höher als im eingeschwungenen Betrieb. Wer diese Phase nicht einplant, sieht am Manometer zunächst unplausible Werte.
- Mehrere Rohre an einer Leitung: Werden auf der Förderstrecke mehrere C-Rohre angeschlossen, muss der Gesamtförderstrom aller Rohre summiert werden – nicht der jedes einzelnen. Ein häufiger Fehler ist, die Berechnung nur für ein Rohr durchzuführen und zu vergessen, dass das zweite Rohr den Förderstrom verdoppelt.
In der Praxis: Was eine App übernehmen kann
Die beschriebene Kalkulation – Reibungsverlust aus der Tabelle ablesen, Höhenkorrektur addieren, Enddruck berücksichtigen – ist theoretisch einfach. Unter Einsatzstress, mit Funkverkehr im Hintergrund und möglicherweise in der Dunkelheit oder bei Regen, ist sie fehleranfällig. Selbst erfahrene Maschinisten machen bei mehrstelligen Millibar-Summen Rechenfehler, wenn Zeit drängt.
Ein digitaler Wasserförderungsrechner kann diese Kalkulation automatisieren, sobald Strecke, Schlauchtyp, Förderstrom und Höhendaten bekannt sind. Der entscheidende Vorteil liegt nicht in der Rechenleistung – ein Taschenrechner würde dasselbe leisten – sondern in der Eingabegeschwindigkeit und der Fehlerminimierung: Keine vergessene Höhenkorrektur, kein falsch abgelesener Tabellenwert.
FireMind Einsatz übernimmt genau das: Die Streckenplanung erfolgt direkt auf der Karte, Pumpenpositionen werden per Tap gesetzt, Höhendaten werden automatisch aus dem Geländemodell abgerufen, und der Reibungsverlust nach LFS-BW wird berechnet. Das Ergebnis zeigt sofort, ob eine einzelne Pumpe ausreicht oder ob ein Relay-Betrieb notwendig ist.
Aber auch hier gilt: Die App ersetzt nicht den sachkundigen Blick des Maschinisten. Wer nicht verstanden hat, dass 40 Höhenmeter allein schon 4 bar kosten, wird das Ergebnis „Verstärkerpumpe erforderlich" in der App nicht einordnen können – und unter Umständen die Warnung ignorieren, weil er sie nicht nachvollziehen kann. Ausbildung und digitale Werkzeuge ergänzen sich; keines kann das andere ersetzen.
Checkliste für den Einsatz mit Höhenunterschied
Folgende Punkte sollten vor und während einer Wasserförderung über nennenswerte Höhenunterschiede systematisch abgearbeitet werden:
- Höhendifferenz grob abschätzen: Bereits beim Anfahren oder Erkunden die Faustregel anwenden: 10 m Höhenunterschied = 1 bar Mehrdruck an der Pumpe.
- Verstärkerpumpen-Bedarf frühzeitig prüfen: Ab etwa 20 m Höhenunterschied in Kombination mit Wegstrecken über 400–600 m B-Schlauch sollte der Relay-Bedarf immer kalkuliert werden – nicht erst, wenn der erste Versuch scheitert.
- B-Schlauch für die langen Strecken: Der B-Schlauch mit 75 mm Durchmesser erzeugt bei gleichem Förderstrom deutlich geringere Reibungsverluste als C-Schlauch. Er gehört auf die gesamte Hauptförderstrecke.
- C-Schlauch nur für den Endabschnitt: Der Übergang auf C-Schlauch sollte erst in den letzten 50–100 m vor dem Strahlrohr erfolgen. Länger liegende C-Abschnitte erzeugen überproportional hohe Reibungsverluste.
- Pumpendruck regelmäßig prüfen: Der Maschinist sollte den Ausgangsdruck an der Pumpe kontinuierlich beobachten. Ein plötzlich fallender Druck kann auf eine Undichtigkeit, einen Schlauchdefekt oder einen blockierten Sieb hinweisen – genauso wie auf ein zusätzlich geöffnetes Rohr im Abschnitt.
- Gesamtförderstrom summieren: Bei mehreren C-Rohren auf der Förderstrecke müssen alle gleichzeitig laufenden Rohre in der Berechnung berücksichtigt werden. Nicht die Berechnung für ein Rohr und die Annahme, dass die anderen von selbst funktionieren.
- Reserve für Lageänderungen einplanen: Brände entwickeln sich. Ein weiteres Rohr kann notwendig werden, der Brandabschnitt kann sich verlagern. Wer die Pumpe bereits am Betriebslimit betreibt, hat keinen Spielraum mehr. Mindestens 10–15 % Druckreserve einplanen.
Fazit
Die LFS-BW-Tabellen sind ein praxiserprobtes und verlässliches Hilfsmittel für die Hydraulikberechnung im Feuerwehreinsatz. Ihre Stärke liegt in der schnellen Ablesbarkeit und der praxisnahen Kalibrierung. Ihre Grenze liegt dort, wo Höhenunterschiede ins Spiel kommen: Die Tabellen erfassen den Reibungsverlust, nicht den statischen Höhenverlust. Wer beide nicht konsequent addiert, unterschätzt den tatsächlichen Pumpendruck.
Gerade bei Wald- und Vegetationsbränden – Szenarien, die in Baden-Württemberg durch die Hanglage vieler Waldflächen besonders häufig auftreten – werden Höhenverluste systematisch unterschätzt. Das kostet Einsatzzeit, weil Verstärkerpumpen nachgefordert werden müssen, die von Anfang an hätten disponiert werden können.
Digitale Planungswerkzeuge senken die Fehlerquote in der Berechnung messbar. Sie ersetzen aber weder die Ausbildung am LFS noch das handwerkliche Verständnis dafür, warum 40 Höhenmeter eine eigene Pumpe rechtfertigen können. Beides zusammen – solides Grundwissen und gutes Werkzeug – macht den Unterschied im Einsatz.
Weiterführende Informationen
- Landesfeuerwehrschule Baden-Württemberg (LFS-BW) – Ausbildungsunterlagen, Lehrgänge und Fachpublikationen zur Wasserförderung
- Feuerwehr-Dienstvorschriften (FwDV) beim BBK – insbesondere FwDV 3 (Einheiten im Lösch- und Hilfeleistungseinsatz) und FwDV 5 (Wasserversorgung)
- DVGW – Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches – Grundlagen zu Netzdrücken und Wasserversorgungsinfrastruktur
Wasserförderung – digital geplant
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