Gefahrstoffe im Feuerwehreinsatz – Was Einsatzkräfte wissen müssen
Im Einsatz mit Gefahrstoffen zählen Sekunden. Wer die Kennzeichnung richtig liest und schnell auf Stoffdaten zugreifen kann, schützt sich selbst und andere. Dieser Artikel gibt einen praxisnahen Überblick über die wichtigsten Systeme und zeigt, wie digitale Werkzeuge den Zugriff beschleunigen.
Warum Gefahrstoffwissen im Einsatz entscheidend ist
Feuerwehreinsätze mit Gefahrstoffen gehören zu den anspruchsvollsten Szenarien im Einsatzalltag. Ob beim Verkehrsunfall mit einem Gefahrguttransporter, einem Zwischenfall in einem Industriebetrieb oder bei einem Leck in einer Lagerhalle – die Einsatzkräfte müssen innerhalb kürzester Zeit erkennen, welcher Stoff beteiligt ist, welche Gefahren von ihm ausgehen und welche Maßnahmen zu ergreifen sind.
Die Herausforderung: In Deutschland sind über 30 Millionen Tonnen Gefahrgut jährlich auf Straße, Schiene und Wasser unterwegs. Gleichzeitig lagern in Betrieben, Werkstätten und Laboren zahlreiche gefährliche Stoffe, die bei Bränden, Leckagen oder chemischen Reaktionen freigesetzt werden können. Ohne schnellen Zugriff auf Stoffdaten bleibt die Ersteinschätzung vage – und das kann gefährlich werden.
Die wichtigsten Kennzeichnungssysteme
In der Praxis begegnen Einsatzkräfte verschiedenen Kennzeichnungssystemen. Die drei relevantesten sind das GHS-System, die Gefahrgut-Kennzeichnung nach ADR und die Kemler-Zahl in Kombination mit der UN-Nummer.
GHS – Globally Harmonized System
Das GHS ist das weltweit einheitliche System zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien. Es wurde von den Vereinten Nationen entwickelt und ist in der EU durch die CLP-Verordnung (EG Nr. 1272/2008) verbindlich umgesetzt. Das System verwendet neun standardisierte Piktogramme – rot umrandete Rauten mit schwarzen Symbolen auf weißem Grund – die auf Verpackungen, Gebinden und Sicherheitsdatenblättern zu finden sind.
Für Einsatzkräfte ist das GHS-System besonders relevant bei Einsätzen in Betrieben, Lagern und Laboren. Die Piktogramme zeigen auf einen Blick, ob ein Stoff zum Beispiel entzündbar, ätzend, giftig oder umweltgefährdend ist. Ergänzt werden die Piktogramme durch H-Sätze (Hazard Statements), die die konkreten Gefahren beschreiben, und P-Sätze (Precautionary Statements) mit Sicherheitshinweisen für den Umgang.
ADR-Gefahrgut-Kennzeichnung
Im Transportbereich gilt das ADR (Accord européen relatif au transport international des marchandises Dangereuses par Route). Gefahrguttransporte auf der Straße sind mit orangefarbenen Warntafeln gekennzeichnet, die die Kemler-Zahl (oben) und die UN-Nummer (unten) tragen. Die Kemler-Zahl gibt die Art der Gefahr an – zum Beispiel steht „33" für „leicht entzündbar" und „X423" für „entzündbarer fester Stoff, der mit Wasser gefährlich reagiert".
Zusätzlich tragen Fahrzeuge und Container farbige Gefahrzettel (Placards) nach den Gefahrgutklassen 1 bis 9. Diese rautenförmigen Symbole sind auf Entfernung erkennbar und geben einen ersten Hinweis auf die Stoffkategorie – von Explosivstoffen (Klasse 1) über entzündbare Gase (Klasse 2.1) bis zu ätzenden Stoffen (Klasse 8).
Praxistipp: Bei einem Gefahrgutunfall sollte die UN-Nummer immer zuerst identifiziert werden. Mit dieser vierstelligen Nummer lässt sich der Stoff eindeutig zuordnen und die zugehörigen Sicherheitsdaten abrufen – vorausgesetzt, man hat ein geeignetes Nachschlagewerk zur Hand.
UN-Nummern und Stoffdatenbanken
Die UN-Nummer ist der Schlüssel zur Stoffidentifikation. Jeder registrierte Gefahrstoff hat eine eindeutige vierstellige Nummer – zum Beispiel UN 1203 für Benzin oder UN 1005 für Ammoniak. In Kombination mit der Kemler-Zahl auf der orangefarbenen Warntafel ermöglicht sie eine schnelle Ersteinschätzung noch vor Ort.
Traditionell nutzen Einsatzkräfte gedruckte Nachschlagewerke wie den Hommel oder das ERI-Kartenset. Diese sind zuverlässig, aber im Einsatz nicht immer sofort griffbereit. Digitale Gefahrstoffdatenbanken wie die GESTIS-Datenbank der DGUV bieten umfassende Stoffinformationen, erfordern jedoch eine Internetverbindung.
Gefahrstoffklassen im Überblick
Das ADR unterteilt Gefahrstoffe in neun Hauptklassen, die für Feuerwehreinsatzkräfte unmittelbar relevant sind:
- Klasse 1 – Explosivstoffe und Gegenstände mit Explosivstoff
- Klasse 2 – Gase (entzündbar, nicht entzündbar, giftig)
- Klasse 3 – Entzündbare flüssige Stoffe
- Klasse 4 – Entzündbare feste Stoffe, selbstentzündliche Stoffe, Stoffe die mit Wasser gefährliche Gase bilden
- Klasse 5 – Entzündend wirkende Stoffe und organische Peroxide
- Klasse 6 – Giftige und ansteckungsgefährliche Stoffe
- Klasse 7 – Radioaktive Stoffe
- Klasse 8 – Ätzende Stoffe
- Klasse 9 – Verschiedene gefährliche Stoffe und Gegenstände
Jede Klasse erfordert spezifische Einsatzmaßnahmen. Ein Einsatz mit entzündbaren Gasen (Klasse 2.1) verlangt andere Vorgehensweisen als ein Einsatz mit ätzenden Stoffen (Klasse 8). Das Wissen über die Gefahrstoffklassen ist deshalb Grundvoraussetzung für eine sichere Einsatzplanung.
Der Faktor Zeit: Schneller Zugriff auf Stoffdaten
In der Theorie ist das Vorgehen klar: Stoff identifizieren, Datenblatt nachschlagen, Maßnahmen ableiten. In der Praxis sieht es anders aus. Unter Zeitdruck, bei schlechter Sicht oder mit Handschuhen ist das Blättern in gedruckten Nachschlagewerken umständlich. Eine Internetsuche am Einsatzort ist nicht immer möglich – gerade in Tunneln, Kellern oder abgelegenen Gebieten.
Hier setzen digitale Lösungen an, die offline funktionieren. Eine Gefahrstoffdatenbank auf dem Smartphone bietet den Vorteil, dass über 1.900 Stoffe jederzeit abrufbar sind – über UN-Nummer, Stoffname oder Kemler-Zahl. Besonders nützlich: Funktionen wie eine Kamera-basierte Texterkennung, die eine aufgedruckte UN-Nummer automatisch erfasst und den passenden Stoffeintrag anzeigt.
FireMind Einsatz enthält eine umfassende Gefahrstoffdatenbank mit über 1.900 Stoffen, die vollständig offline verfügbar ist. Zusätzlich erkennt die integrierte Gefahrstoff-Kamera aufgedruckte Kennzeichnungen per Texterkennung und zeigt direkt die relevanten Stoffdaten an. Mehr zu den Features der App.
Vorbereitung ist der beste Schutz
Gefahrstoffeinsätze lassen sich nicht vollständig vorhersagen. Aber die Vorbereitung entscheidet darüber, wie sicher und effektiv die Einsatzkräfte agieren. Dazu gehört:
- Regelmäßige Ausbildung zu Gefahrstoffklassen und Kennzeichnungssystemen
- Übungen mit realistischen Szenarien, um das Ablesen von Warntafeln unter Stress zu trainieren
- Digitale Werkzeuge kennen und im Vorfeld testen, damit sie im Einsatz sicher bedient werden können
- Sicherheitsdatenblätter für bekannte Objekte im Ausrückebereich vorab sichten
Wer die Grundlagen der Gefahrstoff-Kennzeichnung beherrscht und ein zuverlässiges Nachschlagewerk griffbereit hat, ist im Einsatz deutlich besser aufgestellt. Das gilt für den erfahrenen Zugführer ebenso wie für den Angriffstruppführer, der als Erster an der Einsatzstelle eintrifft.
Weiterführende Informationen
Wer sich vertieft mit dem Thema Gefahrstoffe beschäftigen möchte, findet hier verlässliche Quellen:
- GESTIS-Stoffdatenbank – Umfassende Gefahrstoffinformationen der DGUV
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) – Richtlinien und Vorschriften für den Bevölkerungsschutz
- UN-Empfehlungen für den Transport gefährlicher Güter – Internationales Regelwerk
Gefahrstoffe schneller nachschlagen
FireMind Einsatz bietet über 1.900 Gefahrstoffe offline – mit Kamera-Erkennung für aufgedruckte Kennzeichnungen.
App entdecken